Auf vielen YouTube-Kanälen wird immer wieder gebetsmühlenartig darauf hingewiesen: Uruguay ist das sicherste Land Südamerikas! Der Satz ist genau so abgedroschen und gedankenlos nachgeplappert wie das allgegenwärtige Uruguay – die Schweiz Südamerikas. ( Der Spruch ist über 100 Jahre alt und mag damals zugetroffen haben)
Aber: wir sind immer noch in Südamerika und die hiesigen Verhältnisse sind mit Europa nicht zu vergleichen.
Über 610.000 Waffen sind in Uruguay offiziell registriert, das entspricht etwa 35 Waffen pro 100 Einwohner! Die Dunkelziffer wird um ein vielfaches höher liegen und umfasst wirklich alles, mit dem man schießen kann. Von kleinen Pistolen über antike Revolver, an denen noch John Wayne seine Freude gehabt hätte, Jagdgewehre, bis hin zu halbautomatischen und vollautomatischen Kriegswaffen, wie sie in der Ukraine oder anderswo auf der Welt benutzt werden!
Und die Waffen WERDEN BENUTZT : täglich und stündlich! Für Raubüberfälle (bevorzugt Juweliere, Apotheken oder die hier üblichen Bezahlstationen), zur Jagd (schon kleine Kinder gehen zur Hasenjagd), aus Langeweile ( Jugendliche fahren mit dem Mofa durch Wohngebiete und ballern drauf los! Es wurden schon Kinder beim Hausaufgaben machen oder spielen in der Wohnung von einer „verirrten“ Kugel tödlich verletzt! Kein Witz!) , zur Einschüchterung bei Bandenkriegen und natürlich zu Auftragsmorden! Die ganze Palette an Scheußlichkeiten wird hier aufgefahren und Dank der vielen Überwachungskameras in den Straßen wird die Bevölkerung in den abendlichen Nachrichten damit „unterhalten“.
Überfälle auf Autofahrer an roten Ampeln sind ebenso häufig wie Diebstähle auf arglose Fußgänger. Bevorzugt kommen hier zwei Räuber mit dem Mofa, einer springt ab, entreißt dem Opfer die Handtasche, dann verschwinden beide in Sekundenschnelle. Oft genug wird auch hier von einer Waffe Gebrauch gemacht, wenn sie auch in den wenigsten Fällen abgefeuert wird. Aber das weiß man ja erst hinterher!
Die steigende Mordrate ( im Durchschnitt 1-2 Morde pro Tag, das entspricht in etwa 10 Morde pro 100.000 Einwohner pro Jahr) und die ausufernde Kriminalität hat mittlerweile auch die Regierung bemerkt und erwägt ein verschärftes Waffengesetz. Die Bevölkerung geht auf die Barrikaden und demonstriert dagegen. Die Mehrheit sieht den Waffenbesitz als Grundrecht an. Getreu dem Motto: der Staat schützt uns nicht, wir müssen uns selbst schützen! Und so enden auch oft Nachbarschaftsstreitigkeiten für eine oder beide Parteien auf dem Friedhof. Den illegalen Waffenbesitz wird man mit schärferen Gesetzten sowieso nicht eindämmen. Der Besitz ist meldepflichtig ( man braucht dafür eine Lizenz ), die Einfuhr strengstens geregelt, Kriegswaffen verboten und doch erreichen wahrscheinlich täglich hunderte von Waffen zu Lande, zu Wasser und durch die Luft das Land. Zur schnellen Beschaffung werden Polizisten überfallen und ausgeraubt und vor fast drei Jahren hat man dem damaligen Innenminister seine Waffe aus dem Nachtschränkchen in der Ferienwohnung geklaut! Es scheint also keine Gesetze zur Aufbewahrung von Waffen zu geben und ein Uruguayo wird, darauf angesprochen, sicher antworten, dass sie griffbereit sein sollten, da sie ansonsten ja nutzlos seien. ( Waffen müssen angemeldet werden, man darf sie zu Hause hinlegen, aber nicht in der Öffentlichkeit tragen oder mitführen. So die Theorie. )
3,5 Millionen Uruguayer leben mit diesem Wissen und auch wir können bisher ganz gut damit umgehen. Die Einheimischen haben eh ein für mein Empfinden ziemlich stoisches Verhalten zum Umgang mit der Kriminalität. Der in einem der letzten Beiträgen erwähnte Gaslieferant zum Beispiel wurde bereits drei mal mit Anwendung einer Schusswaffe ausgeraubt und trotzdem fährt er täglich seine Runden. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn mir jemand eine Waffe an den Kopf hält und hoffe, dass ich das auch nie erfahren muss! Auf den Überwachungsvideos reagieren Geschäftsinhaber oder Angestellte immer sehr ruhig und besonnen und haben die Situation in vielen Fällen schon öfters erlebt. Also abgestumpft durch Routine? Ich weiß es nicht.
Das alles ist Realität und Alltag im sichersten Land Südamerikas! Natürlich gibt es hier wie überall auf der Welt bestimmte Stadtteile und Regionen, die besonders kriminalitätsanfällig sind und die sollte man kennen und tunlichst meiden. Raubüberfälle auf Autos und Fußgänger gibt es allerdings meist dort, wo es sich auch lohnt: in den dicht bewohnten Küstenregionen.