Uruguay hat einen neuen Präsidenten gewählt

Die jetzige Regierung , die aus dem Zusammenschluss vieler kleiner Parteien besteht, wird im Januar in die Opposition geschickt. Yamandù Orsi gehört zu Frente Amplio, die breite Front, die eine linksorientierte Partei ist und ein breites Spektrum vom Kommunismus bis zum Sozialismus beinhaltet.

Die Wahl am Sonntag war wieder für jeden erwachsenen Uruguayer Pflicht und entschied nur, wer von den beiden Spitzenkandidaten der Hauptwahl vom vergangen Monat denn nun Präsident wird. Die Verteilung der Parteien im Parlament war ja schon damals entschieden worden.

Die Wahl war entschieden, der Verlierer gratulierte sofort, als das Ergebnis feststand, dem Gewinner und alle waren sich wieder einig. Regieren müssen sie ja praktisch gemeinsam, keine Seite hat die absolute Mehrheit. Da ist man in Uruguay pragmatisch und, wie fast immer, ziemlich emotionslos. Man lässt kurz mal der Freude, oder der Enttäuschung seinen Lauf, dann kehrt wieder Ruhe und, jetzt wollte ich fast schreiben: Trägheit ein. Ich lass das mal so stehen.

Der Uruguayer will in Ruhe gelassen werden und was „die da oben, die Regierenden“ machen, interessiert dabei herzlich wenig. Es ist eigentlich verwunderlich, wieviel Entgleisungen der Politiker mit einem Schulterzucken abgetan werden. Wenn es eine Regierung übertreibt, wird sie halt das nächste Mal nicht gewählt. „ Fehler machen sie alle“. Die Toleranzgrenze ist da sehr hoch.

Ich habe während der letzten Wochen und Monate viele Beiträge zur Wahl auf YouTube verfolgt und wohl tausende Kommentare gelesen. Die spiegeln einen guten Durchschnitt der uruguayischen Denkweise wider, die für uns auch nach 8 Jahren Leben in Uruguay oft nicht nachvollziehbar oder schwer zu verstehen ist. „Lass du mich in Ruhe, dann lass ich dich auch in Ruhe“ , so kann man es grob zusammenfassen. Dass ein Uruguayo mal aus der Haut fährt, kommt äußerst selten vor und die Toleranzgrenze ist erstaunlich hoch. Das Allermeiste wird klaglos hingenommen und allenfalls mal mit einem Murren kommentiert. Die Probleme des Landes sind hinreichend bekannt und werden auch beklagt. Die Teuerung, die Kriminalität, das schlechte Bildungssystem! Aber niemand will die heißen Eisen ernsthaft angehen, um ja niemandem auf die Füße zu treten. Ab und an, eigentlich ziemlich oft, wird kurzfristig gestreikt. Die Busfahrer, weil ein Kollege überfallen wurde, das medizinische Personal, weil ein Kollege auf dem Heimweg erschossen wurde, die Mitarbeiter der Milchverarbeitung, weil ein Kollege entlassen werden soll. Ein kurzes Aufbäumen ohne jegliche Konsequenzen.

Wir stehen dem Ganzen oft ziemlich ratlos gegenüber, können uns oft in die hiesige Denkweise nicht einfinden.

So sehen wir dem Regierungswechsel mit neugieriger Erwartung entgegen.

Der uruguayische Präsident ist ein Präsident zum Anfassen, ein Mann aus dem Volk, einer von uns! Er mischt sich bei Veranstaltungen unter die Menschenmasse, ohne vom Sicherheitspersonal abgeschirmt zu werden. Auch die Minister sind sehr volksnah und mittendrin. Ein Selfi mit dem Präsidenten, eine herzliche Umarmung oder ein angedeuteter Schmatz auf die Wange, wie bei Begrüßungen hier üblich, alles kein Problem. Kurze Wege in Montevideo läuft der Präsident schon mal zu Fuß und wenn er Lust auf einen Kaffee hat, setzt er sich in ein Café, ohne dass die Räumlichkeit davor gründlich durchsucht oder gar geräumt wird. Das macht das kleine Land und seine Bewohner sehr sympathisch und wir müssen beim Fernsehen jedes mal schmunzeln, wenn der jetzige Präsident bei einer Einweihung, sei es eine Brücke, eine Schule oder dergleichen, mit selbstgebackenen Keksen und Kuchen beschenkt wird.

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