Noch ist alles relativ ruhig in Uruguay. Viele Geschäfte haben geschlossen. Lebensmittel, Tierfutter und alles rund um Bau- und Landwirtschaft ist aber noch zu haben. Überall hängen Zettel mit Verhaltensmaßregeln: Zwei Meter Abstand halten, keine Umarmungen und Küsse zur Begrüßung, kein Mate-Becher weitergeben zum gemeinsamen Trinken und natürlich Hände waschen und desinfizieren. Die Regierung hat Menschenansammlungen mit mehr als zwei Personen verboten. Donnerstag und Freitag war dann auch die Polizei in Tarariras auf Streife. Die Stadt war wie leer gefegt. Alle sind schön brav zu Hause geblieben. Die Wenigen, die Einkaufen waren, konnten den geforderten Mindestabstand wahren. Wir haben auch noch mal Pflanzen gekauft. Wer weiß, wie lange das noch möglich ist😁
Am Samstag war Steffen mit dem Fahrrad unterwegs und da bot sich ihm ein ganz anderes Bild: die Polizei war unsichtbar. Entweder waren sie im freien Wochenende oder waren nach Montevideo abgezogen worden. Dort kam man nämlich den freundlichen Ermahnungen des Präsidenten : „bleiben sie bitte alle zu Hause“ nicht nach. Im Gegenteil : man bildete flugs eine Gegenbewegung im Internet : „Leute kommt alle an den Strand. Lasst uns gemeinsam das wundervolle Wetter draußen genießen!“ Dem wurde mit Kind und Kegel tausendfach Folge geleistet!
Auch in Tarariras herrschte Anarchie: keine Polizei, keine Kontrolle!! Die ganze Bevölkerung war auf den Beinen oder mit dem Motorrad ohne Helm unterwegs ! Man ging Einkaufen, hielt hier und dort ein Schwätzchen und verabredete sich für den Sonntag am Strand. Die Kinder haben keine Schule, die meisten Erwachsenen sind auch nicht bei der Arbeit. Ach wie fein, das Leben ist schön!
Dabei brauen sich finstere Wolken am Horizont zusammen:
Der Export ist um 30-40 % eingebrochen. Der Peso weiter in freiem Fall. Die Schlachthäuser sind alle geschlossen. Wohin nun mit den ganzen Kühen? Schon jetzt verfüttern viele Tierbesitzer das eingelagerte Futter, das für den Winter vorgesehen war. Die Ernte war schlecht. Da alle Versteigerungen abgesagt wurden, findet praktisch kein Viehhandel mehr statt. Für viele Kleinbauern ist das aber die einzige Verdienstmöglichkeit. Wer nichts mehr hat, verscherbelt dort seinen Hausrat. Geht auch nicht mehr! Und hier gibt es kein Geld vom Staat, keine Sozialhilfe. Nicht’s ! Und die Preise für Kuh und Schaf sind im Keller, falls sie denn zu verkaufen wären!
Ja, und dann gibt’s ja da auch noch diese „chinesische Pest“ ! Die kommt langsam aber stetig näher! Mittlerweile hat Uruguay 107 Infizierte. Prozentual an der Bevölkerungszahl gemessen, die höchste Infiziertenrate in ganz Südamerika. Aber ein Gaucho liebt seine Freiheit! Und seine Unabhängigkeit! Und im Herzen sind sie alle Gauchos. Sie wollen sich nicht einsperren lassen. Wie ein Seemann das Meer, so braucht der Gaucho die Weite der Pampa, die Sonne im Gesicht und den Wind in den Haaren! „Lasst die Politiker in Montevideo nur reden. Wir sind hier draußen schon mit vielen Krisen fertig geworden.“
Die nächsten Tage und Wochen werden spannend. Obwohl viele Uruguayos über das Internet sehr wohl über den Zustand im Rest der Welt informiert sind, ist dieses Wissen wohl noch nicht beim Verstand angekommen. Der Rest der Welt war hier schon immer weit weg. Es gibt hier ein Sprichwort: Wenn die Welt untergeht, passiert das in Uruguay erst ein halbes Jahr später !