
Nicht alle Zitronen sind gelb !
Auf dem ersten Foto ist eine brasilianische Zitrone abgebildet. Sie wächst auf einem herrlich großen Baum im Garten eines der umliegenden Campos. Auf dem Weg nach Colonia kommen wir immer an besagtem Campo vorbei. Er wird von einem Bauern bewacht, der dort in einer Hütte wohnt. Das dazugehörende, 200 ha große Grundstück, gehört einem Argentinier, der aber die Bewirtschaftung aufgegeben hat. Alles liegt brach und verwildert. Der angestellte Bauer kümmert sich noch um die Schafe, hat einige Hühner auf dem sehr heruntergekommenen kleinen Areal und eben diesen großen Zitrusbaum. Jahr für Jahr hängt er voller Früchte, die aber nie abgeerntet wurden. Ob es Orangen oder Mandarinen waren, konnten wir im Vorbeifahren nicht feststellen, haben uns aber immer geärgert, daß die Früchte niemand wollte. Jetzt hat das Bauernehepaar gewechselt. Die Ehemaligen sind ausgezogen und nun bewirtschaften Daniels Eltern Grund und Boden. Wir haben nachgefragt, was denn nun mit dem Zitrusbaum wird und wurden darüber aufgeklärt, daß das brasilianische Zitronen seien, die könne man nicht essen. Das sei ein Zierbaum. Aha, das kam uns bekannt vor. So ähnlich waren die Äußerungen über die Brombeeren doch auch !
Wir haben uns also einige Früchte zur Probe mitbringen lassen. Sie ließen sich gut schälen, sind in etwa so groß wie Mandarinen und ………schmecken so sauer, daß man sie nicht wirklich essen kann. Das ist aber noch lange kein Grund, sie am Baum vergammeln zu lassen. Da der Baum niemals gespritzt wurde, habe ich die Schale auf einer feinen Reibe abgerieben. Mit Zucker gemischt, ist der Abrieb lange haltbar und eignet sich hervorragend zum Würzen und Süßen von Tee und Kuchen. Aus dem Saft habe ich Sirup eingekocht. Der Geschmack ähnelt weder dem der Zitrone, noch dem von Orangen. Es ist ein ganz eigener, intensiver Geschmack, hervorragend geeignet im Mineralwasser oder Sekt.
Daniel und seine Familie können sich nicht vorstellen, was wir mit den „ungenießbaren“ Früchten anfangen, lassen uns aber gewähren. Wir haben die Erlaubnis, den gesamten Baum zu plündern. Wir werden also Daniels Eltern nächste Woche einen Besuch abstatten. Dann kann ich meine Saftvorräte weiter aufstocken. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, daß die „Alemanes“ recht eigen ihren Campo führen. Aber wir sind bei der hiesigen Bevölkerung akzeptiert und haben sicherlich auch einigen Unterhaltungswert.
Die Frucht auf dem zweiten Foto ist eine Bitterorange. Davon haben wir einen Baum auf dem Acker stehen. Der Saft eignet sich hervorragend zur Marmeladenherstellung. In diesem Jahr haben wir erstmals die in Scheiben geschnittenen Früchte in Alkohol und Zucker eingelegt. Mit Granatapfelsaft in ein kräftiges Rot eingefärbt, sollte daraus in einigen Wochen unser eigener „Campari“ werden. Erste Geschmacksproben ( wir können die sechs Wochen Reifezeit kaum abwarten) versprechen schon jetzt eine Köstlichkeit !!!
Vor einigen hundert Jahren hat der Adel in Europa damit begonnen, Zitruspflanzen zu sammeln und zu züchten. Herausgekommen ist eine faszinierende Vielfalt der immergrünen Bäume, und man kann immer noch in vielen Orangerien der alten Schlösser die Schätze bewundern. Auch damals wurden sie eher als Zierde und Geldanlage von Gärtnern mit viel Erfahrung gehegt und gepflegt. Die langen, kalten Winter überstanden sie in speziellen Häusern, meist besser ausgestattet als die Behausungen der Dienerschaft. Bei uns gedeihen die Zitrusfrüchte hervorragend. Das Klima ist optimal, moderate Fröste im Winter verbessern die Qualität der Früchte. Die Bäume sind anspruchslos und pflegeleicht, das dunkelgrüne Laub erfreut auch im Winter das Auge und wir freuen uns jetzt schon auf die Blüte im Frühling, wenn der würzig herbe Duft unzählige Insekten anlockt.
.